Fremd im eigenen Land

18 Mai

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Ich bin nun seit 16 Monaten in der Türkei am arbeiten.  Bevor ich den endgültigen Entschluss fasste „Rück-zu-wandern“,  haben mich alle meine Freunde gewarnt, dass es schwierig werden könnte.  Als Person, die nie die Absicht hatte, in das Heimatland ihrer Eltern zürück zu wandern, war der Schritt ziemlich gewagt. Doch ich habe es getan und was ziemlich optimistisch, mein Resümee nach über 1 Jahr fällt dagegen ziemlich enttäuschend aus.

-Die Fremde-

Obwohl ich mir ziemlich viel Mühe geben, nicht als „Deutsche“ wahrgenommen zu werden, weil das zu Missverständnissen führen könnte, werde ich ständig auf meine „Herkunft“ stigmatisiert. Das soll heissen, ich werde bei jeder sich bietenden Gelegenheit als „Almancı“ bezeichnet (Deutschländerin) und man macht sich über meinen Akzent lustig und ist bemüht mich klein zureden. Das ist wirklich hart, denn als Journalistin ist es wichtig, dass man ernst genommen wird. Indem die meisten ständig darum bemüht sind meine Kompetenzen klein zu reden, machen sie es mir schwer akzeptiert zu werden.  
Auch wenn die Neckereien oft mit Spass vermischt sind, finde ich sie dennoch nicht zum lachen. Denn unter ihnen steckt viel Neid und fehlende Akzeptanz. Und genau das verletzt, denn dieses Land gehört auch mir. Besser gesagt, ich  bin ebenfalls ein Teil dieses Landes und nur weil ich ebenfalls deutsche Staatsbürgerin bin, macht mich das nicht weniger türkisch!

Warum ich als Türkin nicht akzeptiert werde ist für mich absolut unverständlich, da beide Elternteile Türkisch sind.  Das ich einen Akzent habe, wenn ich Türkish spreche ist verständlich, das die erste Sprache die ich professionell gelernt habe Deutsch war. Und ich bin ich Deutschland gross geworden und habe meine gesamte Schullaufbahn dort absolviert. Ist es so verwunderlich, wenn meine Muttersprache Deutsch ist? Wäre es verwunderlich, wenn jemand der in der Türkei gross geworden ist, perfektes Türkisch spricht? Wohl kaum.

-Kaum Sein und nur Schein-

Es ist wirklich schwer, sich hier in der Arbeitswelt zurecht zu finden. Denn die Arbeitsmoral hier ist etwas anders. Als „Ausländerin“ fällt man auf. Ein ganz simples Beispiel, wenn die Schicht um 9 Uhr beginnt, bin ich schon 8:40 auf der Arbeit. Wenn die Teambesprechung um 9 beginnt, dann sass ich manchmal als einzige um 9:01 am Besprechungstisch. Und immer hiess es, die Deutsche achtet als einzige auf die Uhrzeit. Auch beim verrichten meiner Arbeit bin ich stets bemüht korrekt und sauber zu arbeiten. Was in erster Linie positiv klingt, wirkt manchmal anstrengend.

-Laester,Laester-

Es ist komisch in der Mehrheitsgesellschaft, obligatorisch der Mehrheit anzugehören. Die Rollenverteilung innerhalb der Berufswelt erscheinen anders, als wenn man der Minderheit angehört. Der prozentuale Anteil am Lästern ist irgendwie immens! Sagst du um 10 Uhr „Das Wetter ist schön“, reden alle um 17 Uhr, X meinte heute, „Das Wetter in diesem Land sei ihr viel zu warm!“.  Da du eine von vielen bist und doch anders stehst du unweigerlich im Mittelpunkt und alle reduzieren dich auf dein anders sein. Dabei bist du nicht wirklich anders als sie. Aber wenn man ständig die Unterschiede hervorhebt, dann kann man sich dem nicht entziehen und wird irgendwann zum Alien. Ob man es möchte oder nicht.

Mir fehlt das multikulturelle Umfeld, die Menschen, die anders sind, die Vielfalt. Das was in Deutschland ständig kritisiert wird, ist ein Segen auch wenn es mit viel Arbeit und Schwierigkeiten verbunden ist. Je homogener eine Gesellschaft ist, desto begrenzter ist ihr Horizont und eindimensional ihre Sichtweise. Es ist komisch und befremdlich fremd im eigenen Land zu sein, denn das verdeutlicht das Dilemma vieler Migranten im Ausland. Man ist im Land, in dem man geboren wurde fremd, obwohl man die Sprache spricht, die Kultur kennt und vieles adaptiert, sich als Teil der Gesellschaft wahrnimmt. Aber im Geburtsland der Eltern ist man ebenfalls fremd, da man nicht dort geboren wurde, die Sprache anders gebraucht, viel Input aus der anderen Gesellschaft mit rein bringt.

Es ist wahrlich ein Dilemma. Und ich weiss auch nicht, was man dagegen tun könnte. Wir sind eine riesen grosse Minderheit, mit Identitätsproblemen. Überall zu Hause aber nirgendswo daheim.

Bis jetzt möchte ich mit diesen Statements verbleiben 🙂

Eure Lina.

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2 Antworten to “Fremd im eigenen Land”

  1. amitaf86 Mai 23, 2013 um 09:44 #

    Du Arme. Es muss hart sein. Gibt es denn keine Kolleginnen, mit denen du dich angefreundet hast, so dass die mal auch ein paar Sprüche in die andere Richtung bringen könnten? Ich stelle mir deine Situation sehr schwierig vor. Übt sich das nicht auch auf die Zufriedenheit mit deinem Job aus?

    Ich wieder mit meinen vielen Fragen. Aber du machst es auch so spannend. 🙂

    • linawunderlich Mai 24, 2013 um 20:55 #

      Ich übe mich darin nur so viel zu sagen, wie angebracht ist 🙂 Ja es gibt den ein oder anderen netten Kollegen aber die Atmosphere ist ziemlich unangenehm. Zu viel Neid, Hass und Intriegen. Ich finde es mehr als bedenklich! 🙂

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