Im türkischen Gerichtssaal

8 Okt

Heute gab es eine Premiere für mich. Zum ersten mal war ich als Journalistin im türkischen Justizpalast in Ankara. Auf den ersten Blick, ein unschöner Bauklotz. Auf den zweiten Blick, immernoch ein unschöner Bauklotz. Als ich den riesigen Komplex betrat, roch es in jeder Ecke nach Geschichte. Irgendwie fühlte ich mich in Kafkas “Prozess“ versetzt. Das Gebaeude trieft förmlich nach Bürokratie. Es gibt kaum frische Luft, selten ein grosses, lichtdurchflutendes Fenster. Sie sind ziemlich klein Zimmer vorhanden und kreuz und quer velaufende Treppen. Im grossen und ganzen herrscht eine 70iger Jahre Atmosphaere, irgendwie ganz nach meinem Geschmack aber dennoch nicht sehr einladend.

Die Flure sind voll mit Menschen, überall laufen sie umher. Gehetzt von Eile, Not, Sehnsucht, Hilflosigkeit, mit der Hoffnung auf Linderung ihrer Schmerzen und Probleme. Frauen mit kleinen Kindern, alte Menschen mit Verzweiflung und Unsicherheit in ihren Augen.

Auf der anderen Seite, junge, attraktive Anwaelte und Anwaeltinnen in schwindelerregenden High Heels und Miniröcken. Alles züchtig unter der Robe verhüllt. Irgendwie ein widersprüchlicher Anblick. Die Frauen sollten Zuversicht und Gerechtigkeit wiederspiegeln. Stattdessen sehen sie aus wie bemühte High Society Ladies, die um jeden Preis mit ihren Reizen spielen wollen. Nun ja, geschmackssache. Auf mich machten die Damen, mit kiloweise Schminke im Gesicht, den Eindruck sie seien im kaeuflichen Gewerbe taetig. Stil fand ich kaum…

Und da sass ich nun, vor den Türen des 13. Strafgerichts. Hier werden lediglich Faelle bearbeitet, bei denen es um “organisiertes Verbrechen und Vereinigung gegen den Staat“ geht. Es ist ein neues Strafgericht, dessen erster Fall heute behandelt wurde. Thema war “Organisiertes Verbrechen und Rauschgifthandel“.

Eine ganze Sippschaft, ursprünglich aus Sakarya stand vor Gericht. Ihnen wurde vorgeworfen, gemeinschaftlich am Rauschgifthandel beteiligt zu sein. 22 Verurteilte standen vor Gericht und durften Aussagen. Die gesamte Verhandlung dauerte mehr als 4 Stunden. Am Ende wurden 3 Frauen und 2 Maenner, nach 11 monatiger Haft vorlaeufig entlassen. Der Rest muss weiterhin hinter Gittern sitzen, weil die Beweise für eine Freilassung nicht ausreichen und die Vorwürfe zu schwer wiegen. Der entgültige Richterspruch wird wahrscheinlich am 31. Oktober vorliegen.

Lustigste Ausrede eines Verurteilten, er haette die Drogen, die er zum eigenen Gebrauch besass, verkauft, um seiner kranken Schwiegermutter zu helfen 🙂 So viel Fürsorge und Liebe gegenüber einer Schwiegermutter? Schon alleine deshalb lachhaft! Sonst hiess es von allen Seiten, man haette nur einen tag/eine Woche gedealt und wüsste auch sonst nicht, wer der Lieferrant sei. Man haette lediglich den Auftrag erhalten, die Drogen zu verkaufen. Ich hatte das Gefühl, dass jeder im Saal wusste, dass gelogen wurde.

Alles in allem war es ein guter Start. Morgen werde ich einen Fall bzgl “sexuellen Missbrauchs“ begleiten. Ich bin gespannt, die Türkei aus einem anderen Blickwinkel kennen zu lernen. Denn oft spiegelt sich die Gesellschaft in ihren Gerichtssaelen wieder.

Eure Lina.

 

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6 Antworten to “Im türkischen Gerichtssaal”

  1. RTA Oktober 8, 2012 um 20:12 #

    Das ist total kitschig! 🙂

    • linawunderlich Oktober 8, 2012 um 20:15 #

      naja, bedingt aber kitsch ist ebenfalls ein teil unseres lebens 😉

  2. amitaf86 November 12, 2012 um 10:52 #

    Wie ist der Fall mit dem sexuellen Missbrauch ausgegagnen? Wie war es da im Gerichtssaal? Hättest du nicht Lust auch darüber was zu schreiben? Ich fände es sehr interessant.

    • linawunderlich November 16, 2012 um 10:30 #

      Ich bin leider nicht mehr am Gericht. Sonst würde ich natürlich darüber berichten. Aber die meisten Faelle sind schon erschütternd. Eine Freundin hat von einem Fall berichtet, wo das Opfer im Gerichtssaal zusammengebrochen ist und sich die Kleider vom Leib gerissen hat. Tragisch und traurig.

      • amitaf86 November 16, 2012 um 13:30 #

        Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll …
        Wütend auf die Gewalttäter und mehr als traurig für die Opfer …

      • linawunderlich November 16, 2012 um 14:25 #

        Es ist wirklich mehr als traurig! Es kann uns überall treffen.

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