Ehrenwort

18 Jan

Diesmal biete ich Platz für einen Gastbeitrag. Das Thema ist ein Dauerbrenner, wenn es um Integration und Migranten geht. Der angehende Jurist Osman Gülyesil hat sich seine Gedanken über das Thema Ehrenmord gemacht.

Eure Lina.

Ich war ziemlich überrascht als ich vor zwei Wochen die Veranstaltungsreihe an der Universität mir durchlies. Zum zweiten Mal innerhalb der letzten sechs Monate fand an meiner Uni ein Vortrag über sogenannte „Ehrenmorde“ statt. Obwohl viele Probleme auf der Welt existieren, muss es anscheinend diesbezüglich eine kritische Entwicklung vorliegen, so dass erneut eine Veranstaltung mit dem gleichen Thema stattfindet, so ging es mir durch den Kopf. Schließlich besuchte ich beide Veranstaltungen, um mir ein Bild von dem „akademischen“ Diskurs zu machen.

Gülsen Celebi und Terre des Femmes

Im Sommer 2011 war die Anwältin Frau Celebi zu Besuch, welche bereits in der Vergangenheit mit ihrem Buch („Kein Schutz nirgends“) Ehrenmorde thematisiert hat. Die Gäste der Podiumsdiskussion, nicht die Organisatoren, erweckten den Eindruck als seien ihre Darstellungen eine bewusste Präsentation von zusammengewürfelten Erkentnissen. Es handelte sich hauptsächlich um die Morde an Morsal Obeidi und Gülsüm Semin. Es kam jedoch leider stets eine unmittelbare Verbindung zur islamischen Religion zustande. Es wurde zwar klar festgestellt, dass jeweils die Brüder, welche den Mord begangen, in keinster Weise praktizierende Muslime waren. Ehrenmorde würden zudem ihre Wurzel nicht im Islam haben. Doch als die Biographien der Mörder vorgetragen wurden hörte man seltsamerweise ein Adjektiv sehr häufig: „islamisch“. „Islamischer“ Freundeskreis, „islamisches“ Elternhaus, „islamische“ Erziehung“ oder „islamisches“ Umfeld. Während die Studenten und Interessenten im Hörsaal wie hypnotisiert zuhörten wurde im Unterbewusstsein eben jene Verbindung von Ehrenmorden und dem Islam clever hergestellt. Wenn man sich das Buchcover von Frau Celebi anschaut wird man leider erwartungsgemäß islamische Symbolik erkennen können. Eine Frau mit dem Rücken zur Linse, verhüllt von Mantel und Kopftuch- stereotypisch.

Intellektuell anspruchsloser war die zweite Veranstaltung über Ehrenmorde von „Terre des femmes“. Frau Ingrid Lee aus Berlin kam im Rahmen einer Ringvorlesung von Frauenrechten nach Göttingen. Ihr Vortrag enthielt zwei wesentliche Elemente: Starken Feminismus und zahlreiche Videos. Neben Eko Fresh und seinem Song „Köln-Kalk Ehrenmord“ gab es zum Schluss eine Video-Hommage an alle Opfer von Ehrenmorden weltweit. Schockierend war hierbei, dass nur junge Frauen aus dem nahen Osten dargestellt wurden. Die Video Dia-Show war mit sentimentaler arabischer Musik untermalt. Auch hier erfolgte eine unterschwellige Botschaft an die Besucher.

Die Struktur beider Veranstaltungen ähnelte sich jedoch sehr. Aufgebaut waren sie auf folgenden drei Standpunkten:

1)   Es gibt patriarchalische Strukturen in der Parallelgesellschaft

2)   In jener Parallelgesellschaft  wollen junge (muslimische) Frauen ihre Freiheit

3)   Der Geschlechtsverkehr vor der Ehe (im Islam verboten) ist schließlich ihr Todesurteil

Aber ist das Problem von Ehrenmorden so einfach analysiert und abgehandelt?

Ehrenmorde – Fakten und Mythen

Bei den meisten Gesellschaftlichen Debatten werden Tatsachen und Legenden durch die Befragten miteinander vermischt oder verwechselt. Die These – Ehrenmorde entstammen genuin aus islamischen/orientalischen Kulturkreisen – hält nicht mit der praktischen Erkenntnis statt. Sie sind vormoderne barbarische Formen drakonischer Selbstjustiz. Zivilisationen oder Kulturen rufen so etwas nicht hervor, sondern pathologische Menschen.

Die Auswahl des Begriffs „Ehrenmord“ ist jedoch ein bewusster Akt, da es eine automatische Assoziation mit Muslimen und dem islamischen Glauben hervorruft. Ehrenmorde sind nämlich in der islamophoben Szene ein „Dauerbrenner“ und werden oftmals dann erwähnt, wenn klargestellt werden soll, dass der Islam mit dem Westen nicht kompatibel sei.

Aber sind Ehrenmorde ein Problem der Religion oder Region? 79% der Ehemänner in den USA und 77% in Großbritannien sind schon mal gegenüber ihren Ehefrauen gewalttätig gewesen. In den Vereinigten Staaten von Amerika werden jährlich 1200 Frauen von ihrem Freund oder Ehemann umgebracht. Im letzten Jahr hat in der Türkei ein armenischer Bruder seine Schwester und den muslimisch-türkischen Mann, den sie geheiratet hatte, erschossen. Vor kurzem wurde in Niedersachsen ein 13 jähriges Mädchen jesidischen Glaubens von ihrem Vater ermordet. Laut dem Time Magazine ist die Zahl der Ehrenmorde in der Hindu Gesellschaft Indiens rapide angestiegen. Nach dem UN-Weltbevölkerungsbericht des Jahres 2000 wurden in 14 Ländern wie z.B. Spanien, Italien, Serbien oder Griechenland Ehrenmorde begangen. Geht man also ehrlich an dieses Problem heran, wird man erkennen, dass es sich hierbei um kein türkisches, kurdisches, arabisches oder muslimisches Problem handelt. Deduktiven Satz spielen wie „Nicht alle Kurden sind Ehrenmörder, aber alle Ehrenmörder sind Kurden“, dürfte dadurch der Wind aus den Segeln genommen werden. Fakt ist leider, dass diese abscheulichen Handlungen auch im Nahen Osten und Nordafrika ebenfalls vorhanden sind. Die anthropologisch gesellschaftliche „Schamkultur“ letztgenannter Regionen muss sich dieses Problem zu Herzen nehmen und bildende Maßnahmen innerhalb der Ordnung, als oberste Maxime aufstellen.

Fazit

Es liegt klar auf der Hand. Sogenannte Ehrenmorde und häusliche Gewalt sind ein  großes globales Problem. Die islamische Jurisprudenz und auch Kulturen verurteilen solche Taten. Zu beachten ist jedoch auch, dass diverse Vereinigungen oder Einzelpersonen in der Öffentlichkeit aufhören sollten, aus solchen tragischen Fällen Profit zu schlagen. Manchen Akteuren geht es hierbei nicht um den Einsatz für ein liberales Leben gewisser junger Frauen, sondern islamophober Propaganda. Nach einem französischen Sprichwort hat der Abwesende verloren. Damit in Deutschland die verschiedenen Migrantengruppen nicht zu den Verlierern gehören besteht Handlungsbedarf. Hierbei kommt Geistlichen, Intellektuellen und Verbänden große Arbeit zu, welche die moderne Welt und die kulturell-religiöse Tradition am ehesten verstehen. Dass praktizierende und bewusste Muslime, immer gegen derartige Bräuche sein werden ist kein leeres Versprechen, es ist ein Ehrenwort.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: