Wenn Abrahams Kinder …

25 Okt

Im deutschen heißt er Abraham, im hebräischen Avraham und im arabischen Ibrahim. Er ist der „Vater der Völker“. Denn er gilt als Stammvater der Christen, Juden und Muslime. Seine Söhne Isaac und Ismael gelten als der Ursprung der jüdischen/arabisch-muslimischen Blutlinie.
Die Muslime ehren Ibrahim (as) als Propheten und als ersten Gerechten (Hanif), der aus eigener Überzeugung erkannte, dass es nur einen Schöpfer gibt, noch bevor einer der monotheistischen Religionen den Menschen offenbart wurde.
Das unterstreicht seine besondere Stellung in der Reihe der zahlreichen und wichtigen Persönlichkeiten des Islams. Aber auch für die Juden ist er eine zentrale Figur. Er ist der Vater von Isaac und bildet mit Jacob (Sohn des Isaac) die Erzväter Israels.

Soviel zum historischen Kontext. Es ist nämlich von Bedeutung zu wissen welchen Stellenwert Abraham, sowohl für Muslime, als auch für Juden inne hat. Denn dann, kann man vielleicht auch nur ansatzweise verstehen, warum al Chalil/Chewron/Hebron so wichtig für sie ist. Dort nämlich, liegt das Grab vom Propheten Ibrahim (as)/Avraham. Mitten im Westjordanland.

Zuerst möchte ich euch einige Fakten wiedergeben, um im Anschluss meine persönlichen Erfahrungen aus der Stadt niederzuschreiben.

al Chalil/Chewron/Hebron hat ca. 230.000 Einwohner und gehört eigentlich zum Gebiet der palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Doch befinden sich in der Stadt mehrere und z.T. große Siedlungen.

  • Beit Hadasa (seit 1979); Wohnhaus mit zehn Familien
  • Beit Romano (seit 1983); Talmudhochschule mit 250 Studenten
  • Tel Rumeida (seit 1984); Wohnhaus mit 15 Familien
  • Beit Hasson; Wohnhaus mit sechs Familien
  • Beit Castel; Wohnhaus mit einer Familie
  • Beit Schneerson; Wohnhaus mit sechs Familien und Kindergarten mit 30 Kindern
  • Beit Fink
  • Beit haSchischa (seit 2000); Wohnhaus mit sechs Familien

In Zone H2 in Hebron leben etwa 800 Siedler. Sie werden als besonders radikal und militant eingestuft und gelten als Hardliner. Offiziell werden sie zu der Bevölkerung von Kirjat Arba, einer besonders großen Siedlung im Osten Hebrons gezählt. Sie zählt über 7.000 Einwohner. Diese Siedlung wurde Anfang der 70er Jahre auf einer verlassenen Militärbasis gegründet, zunächst mit etwa 120 Einwohnern. Auch der radikale Fundamentalist Baruch Goldstein ( stürmte während des Gebets in die Ibrahimi Moschee und erschoss etwa 30 Palästinenser während des Gebets und verletzte 150) war Mitglied dieser Siedlung.

Auf der Seite der bekannten israelischen Friedensorganisation B’tselem, findet sich eine sehr anschauliche Stadtkarte Hebrons, inkl. der vielen Siedlungsblöcke, die die gesamte Stadt durchziehen und in Stücke teilen.

Und nun zu meinem persönlichen Erfahrungsbericht aus dieser so bedeutenden Stadt. Sie ist groß, hektisch und belebt. Überall auf den Straßen sind Menschen. Und jeder scheint beschäftigt zu sein. Was mir auffällt, sind die vielen jungen Menschen. Die Menschen aus Hebron sind sehr freundlich und hilfsbereit. So ist es kein Problem in die Innenstadt zu finden, um auf dem Markt zu spazieren. Das Ziel ist die Altstadt. Über sie habe ich so einiges gelesen und gesehen. Nun möchte ich mir mein eigenes Bild machen. Und was ich sehe, schockiert mich zutiefst. Über der Marktstrasse sind Gitter befestigt, auf denen allerlei Gegenstände liegen. Flaschen, große Felsbrocken, Müll. Ein Foto aus meiner Fotostrecke- Oh gelobtes Land visualisiert das Ganze. Teile der Altstadt sind von Siedlern okkupiert worden und diese Gitter dienen zum Schutz der Bewohner unterhalb. Man berichtet mir, dass es nicht unüblich sei, dass von oben Müll regne.
So laufe ich weiter und entdeckten ganze Häuserreihen, die verbarrikadiert sind. Man erklärt mir, dass dieser Wohnraum nicht mehr zugänglich für die dort lebenden Palästinenser sei. Denn die Wohnungen und Geschäfte würden an die Siedlung grenzen und somit eine Gefahr für die Siedler darstellen. Dadurch hätten sehr viele Familien sowohl ihr Heim, als auch die Grundlage zum arbeiten verloren.

Mitten in der Altstadt ist der Anblick von Stacheldraht, Wachposten und schwerbewaffnete Militärs nicht ungewöhnlich.

Wie oben erwähnt, wird oft berichtet, dass die Siedler in Hebron besonders gewaltbereit und aggressiv sind. Davon konnte ich mich bei meinem Aufenthalt in Hebron vergewissern. Nachdem ich den Checkpoint überquert hatte, der mich zu der Apartheidsstraße führte erlebte ich folgendes. Ich war in Begleitung von zwei jungen Palästinensern, denen ich zufällig auf der Straße begegnet war. Am Ende der Straße, war es für die Palästinenser nicht mehr möglich weiter zu gehen. Und an dem Punkt stürmte eine etwas verstimmte und wütende Siedlerin auf mich zu. Energisch, wenn nicht gar aggressiv fuhr sie mich an.

Sie verbreiten Lügen über uns. Diese Araber erzählen nur Lügen. Glaub ihnen nicht!!! Na was erzählen sie diesmal? Sie beschweren sich aber sie können sich in 95% Hebrons frei bewegen. Uns bleiben nur 5%. Was wollt ihr eigentlich noch? (zu den beiden Palästinensern gewandt) Ihr seid alle gegen uns und erzählt den Leuten lügen!! Wissen Sie, was die bei den letzten Wahlen alle gewählt haben? Nein? Die HAMAS! Und wissen Sie was deren Ziel ist? Nein? Sie wollen uns alle umbringen!!!  Sie sind unsere Feinde!!!

In dem Augenblick kam auch ein Soldat und erkundigte sich bei der Dame, ob denn alles in Ordnung sei. Sie war sichtlich erregt, weshalb ich mich dezent zurück hielt und auf keine Diskussion einging. Abschließend richtete ich das Wort an sie und meinte, dass wir eventuell auch einmal die Chance erhalten, die Sichtweise der Siedler zu hören und uns dann ein Bild machen könnten. Eine Antwort bekomme ich nicht.

Die Palästinenser durften nach kurzer Zeit nicht weiter laufen, denn nun waren wir auf der Siedlerstraße angekommen. Es war ziemlich bedrückend. Alles war leer. Niemand war auf den Straßen. Es schien so, als ob alles tot wäre. Eine trostlose und unheimliche Stimmung machte sich breit. Ich wollte nur schnell weiter, ohne weiter nachzudenken. Ein großer Trupp von Militärs kam mir entgegen und ich erkundigte mich nach dem Weg zum Grab Abrahams. Am Ende der Straße sah ich erneut einen kleinen Militärposten. Auf der rechten Seite (israelisch) befindet sich der einzige palästinensische Shop. Dort dürfen keine Palästinenser hin. So begab ich mich in den Shop und unterhielt mich mit dem Besitzer und seinem Sohn. Beide waren mehr als herzlich und sehr sympathische Zeitgenossen. Der Vater erzählte mir, dass er eine ziemlich hohe Summe, für den Verkauf seines Ladenlokals angeboten bekommen habe, er aber dankend abgelehnt hätte. Immerhin wäre der Laden schon seit Ewigkeiten in Familienbesitz. Auch wenn es manchmal schwer sei mit den Israelis.

Die Sicherheitsvorkehrungen an der Moschee sind immens. Vor dem Gelände befindet sich ein Metalldetektor. Muslimen ist der Zutritt zu jeder Zeit möglich. Nicht-Muslime können während der Gebetszeiten und ab den Nachmittag nicht mehr hinein. Nachdem man die israelische Kontrolle passiert, muss man den Muslim-Test bestehen. Die Verantwortlichen der Moschee stellen einem Fragen bzgl. der Religion. Als Beweis, soll man eine Sure aus dem Qur’an rezitieren. Nach dem Massaker von 1994, mehr als verständlich und nötig.

In der Moschee spürt man den Geist der alten Zeit. Alles wirkt historisch. Am Grabmal des Propheten Ibrahims (as) wird jedem Gläubigen etwas mulmig zumute. Man ist ergriffen und betet für seine Seele. Seine besondere Rolle für die drei monotheistischen Religionen ist eindeutig. Es ist mehr als befremdlich, wenn man vor dem Gitter steht und das Grabmal betrachtet. Auf der anderen Seite des Raums kann man das Fenster erkennen, durch dass die Juden das Grabmal anschauen und vor ihm beten.
Unser gemeinsamer Ursprung. Und doch befinden wir uns momentan in einer Situation, in der wir entfernter denn je sind. Bittere Ironie des Schicksals. Hebron steht sinnbildlich für diese Zerrissenheit, den Hass und die Verblendung.

Würde Abraham/Avraham/Ibrahim (as) uns so sehen, er würde bitterlich weinen. Was ist bloß aus uns geworden.

Eure Lina.

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2 Antworten to “Wenn Abrahams Kinder …”

  1. Abu San :) Oktober 26, 2011 um 11:17 #

    für mich persönlich dein bester beitrag bisher…danke.

  2. amitaf86 Oktober 26, 2011 um 14:35 #

    Gänsehaut…

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