Reise nach Jerusalem

21 Okt

Innerhalb von drei Wochen stand fest, meine Reise geht in den Nahen Osten. Im speziellen nach Israel/Palästina. Dieser Kurztrip war definitiv nicht geplant und hat sich relativ spontan entwickelt. Eine Freundin, die in der Region ein Praktikum absolviert, hatte mich eingeladen. Für mich war es die Gelegenheit, genau den Ort aufzusuchen, der mich über Jahre beschäftigt hat. Sowohl privat  als auch wissenschaftlich. Das Thema Nahost war der rote Faden meines Studiums. Dieser Teil der Erde steht immer unter Strom und ist fast täglich in den Schlagzeilen der hiesigen Medien.

Ich war mehr als neugierig, aufgeregt und unsicher. Immerhin sollte ich in ein Land, das ich ausschließlich aus der politischen Berichterstattung kannte.

Ich hätte am Flughafen nicht ahnen können, dass die etwa dreistündige Verspätung, mit der wir abgeflogen sind, als böses Omen zu deuten war. Um kurz nach halb zwölf setzte die Maschine zum Flug an und um kurz vor fünf Uhr nachmittags stand ich vor der Passkontrolle. Vorab wurde ich darauf hingewiesen, dass das Personal an der Kontrolle besonders penible Fragen stellen würde. Ich war unbesorgt, denn ich hatte nichts zu verheimlichen. Die Herkunft meiner Eltern sollte mir dann doch zu schaffen machen.
Nachdem ich die Fragen nach dem Namen meines Vaters, Großvaters, den Grund meiner Reise, die Verweildauer, meinen Abschluss, meinen Beruf beantwortete und meine Kenntnisse über Israel nachwies, blickte mich die Dame hinter dem Schalter ganz listig an und wollte wissen, woher mein Name kommt. Als ich ihr die Antwort gab und sie in dem Augenblick meinen Reisepass zusammen klappte und mich darauf hinwies, ich solle beiseite gehen und warten, bis sie mich ruft, wusste ich, dass es die falsche Antwort war.
(Das Herkunftsland meiner Eltern befindet sich momentan in einem politischen Disput mit der israelischen Regierung.)

Nach einer viertel Stunde des Wartens, holte mich ein Flughafenbediensteter ab und führte mich in einen Raum, wo schon ein halbes Dutzend Menschen warteten. Ich konnte nicht verstehen, wo das Problem war. Wieso saß ich hier? Was hatte ich getan? Warum erklärte mir niemand, was sich abspielte? Weshalb blickte ich in ratlose Gesichter?

Die einzige Antwort, die ich bekam lautete: Warten Sie hier, gleich kommt jemand.

Aha. Gut. Und wann war gleich? In meinem Fall nach zwei Stunden und zehn Minuten. In den gesamten 130 Minuten wurde kein einziges Wort mit mir gesprochen. Es wurden keine Fragen gestellt und auch keine Fragen beantwortet. Es kamen unzählige Leuten in den Raum und verließen ihn auch nach kürzester Zeit. Einige andere jungen Leute aus Deutschland und ich mussten warten. Im Gegensatz zu mir, wurden sie etwa alle zehn Minuten abgeholt und befragt. So konnten sie mir zumindest berichten, welche Fragen gestellt wurden und was mich beim ‚Verhör’ erwartete. Irgendwie konnten wir uns nicht so recht erklären, warum wir warten gelassen wurden, vor allem mit welcher Begründung.

Spöttisch gingen wir die Option durch, dass wir evtl. in Deutschland, ohne davon zu wissen, aktenkundig waren. In verzweifelten Momenten flüchten sich Menschen in den Galgenhumor. Ich war nun seit fast zehn Stunden unterwegs. Da wundert es kaum, dass ich vom Hunger geplagt war und fast dehydrierte. In unserer ‚Zelle’ befand sich zwar ein Getränkeautomat, doch unglücklicherweise nahm dieser nur Schekel (israelische Währung) an. Was für ein Pech aber auch.

Und dann kam der Moment! Ich wurde aufgerufen und durfte endlich befragt werden. Irgendwie war ich aufgeregt, als ob ich auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch war oder dem Haftrichter vorgeführt werden sollte.

Man kann sich kaum vorstellen, wie angespannt und nervös man ist, wenn man ohne Vorahnung auf solch eine Situation trifft. Besonders in einem fremden Land, in dem man noch nie zuvor war, wo einem die Sprache auch so fremd erscheint. Aber glücklicherweise sprechen alle ziemlich sicheres englisch.

Da saß ich nun, vor einer etwa 18-19 -Jährigen mit langem, dunkelbraunem Haar, blassem Teint und strengem Blick. Genau wie die Dame an der Passkontrolle, stelle sie mir die wohl üblichen Fragen. Dann begann das Verhör.

Du bist also keine Studentin mehr?! Was hast du studiert? Wo arbeitest du jetzt? Und wieso bist du hergekommen? Aha, Urlaub?! Und wieso nur eine Woche? Wohin genau willst du reisen? Kennst du jemanden? In welchem Hotel kommst du unter? Was weißt du über dieses Land? Du warst also noch nie in Israel? Bist du politisch aktiv? Ok, dann notiere deine Telefonnummer. Du hast nur eine deutsche? Macht nichts, notier sie. Nun darfst du wieder in den Warteraum. Wir rufen dich gleich.

Glücklicherweise dauerte die folgende Warterei nicht so lange. Nach etwas 20 Minuten kam eine wesentlich ältere Frau zu mir, mit meinem Personalausweis in der Hand und ziemlich finsterem Blick. Nun begann die gesamte Fragestunde von neuem.

Warum bist du hier. Warst du schon mal in Israel. Wieso machst du Urlaub in diesem Land. Kennst du irgendwelche Menschen in diesem Land. Bist du dir da auch ganz sicher. Wieso bleibst du nur eine Woche. Wann geht dein Rückflug. An welchem Tag. Um wie viel Uhr. Mit welcher Fluggesellschaft. Wo hast du etwas über dieses Land gelesen oder gesehen. In Dokumentationen? Was genau hast du denn gesehen. Bist du politisch aktiv. Was willst du in Jerusalem besuchen. Zähle auf! Was bist du, Christ oder Muslim. So so, Muslim also. Bist du gläubig. Betest du fünf Mal am Tag. Fastest du im Ramadan. Wo lebt deine Verwandtschaft. Wie oft gehst du sie besuchen. Ok, hier hast du deinen Reisepass. Nun darfst du gehen.

Dann hatte ich es endlich geschafft. Ich war frei, nun ja fast. Mit meinen Mitreisenden aus Deutschland hatte ich vorab ausgemacht, dass wir am besten gemeinsam vom Flughafen Ben Gurion (Tel Aviv) nach Jerusalem reisen. Immerhin war die Dunkelheit angebrochen und wir befanden uns in einem unbekannten Land. Keiner von uns wollte alleine reisen. Da ich die erste war, die quasi entlassen worden war, holte ich meinen Koffer ab, wechselte Geld und wartete auf die anderen. Nach einer Stunde beschlich mich das leise Gefühl, dass die anderen Jugendlichen nicht so leicht durchgelassen werden würden. Nun hatten wir schon kurz nach acht und ich wollte den letzten Sammelbus nach Jerusalem nicht verpassen. Also machte ich mich alleine auf den Weg, meine Zellengenossen (Türke, Deutscher und halb Deutsche- halb Libanesin) zurück lassend.

Nach etwa einer Stunde kam ich in Jerusalem an, am Damascus Gate. Das befindet sich in Ost-Jerusalem, dem arabischen Teil der Stadt. Ich war mehr als erleichtert, als ich meine Freundin traf. Die Ärmste hatte über drei Stunden auf mich warten müssen. Wer hätte ahnen können, dass ich so gefährlich bin.

Mir wurde noch nie in meinem Leben, so sehr das Gefühl vermittelt, ein Mensch dritter Klasse zu sein. Rechtlos, hilflos und bedeutungslos. Die Episode am Flughafen spiegelt die enormen Schwierigkeiten wieder, die viele Araber, im speziellen Palästinenser haben, wenn sie nach Israel einreisen möchten. Die Schikanen, mit denen man am Flughafen konfrontiert wird, sind mehr als belastend.

Zudem wird das Gefühl der Hilflosigkeit verstärkt, wenn man stupide und ohne jeglichen Grund festgehalten wird. Durch den fehlenden Informationsaustausch steht der Reisende im Dunkelen. Schlussfolgernd würde ich sogar so weit gehen, dass es sich hier um eine Zermürbungstaktik handelt, um Ohnmacht zu erzeugen. Weiter ist eine offenkundige Demütigung und Machtdemonstration zu erkennen. Dabei ist das Personal nicht gewalttätig oder unhöflich. Zeitweise sogar freundlich. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass man mir mehr als zwei Stunden meines Lebens geraubt hat- ohne Begründung. Und bei den anderen sogar weit aus mehr.

Das war mein erster Tag in Israel. Für mich galt es, dass beste aus der Reise zu machen und mich nicht einschüchtern zu lassen. Masel tov!

Eure Lina.

 

Advertisements

8 Antworten to “Reise nach Jerusalem”

  1. mehmet doğan Oktober 21, 2011 um 23:59 #

    Kavramlar, kelimeler ve kullanılan dil, insanların zihin dünyasını, zihin dünyasına yön veren pradigmayı şekillendirir… Kelime ve kavramlar „nötr“ şeyler hele hiç değildir. Kudüs kutsal-olduğu için Kudüs’tür bizim medeniyet ve kültür zihin yapımızda. Birkaç dilli olsak, çok kültürlü bir toplum içerisinde yaşasak da, medeniyet ve kültür havzalarımızın tarihsel mirası olan Kelime ve Kavramları ısrarla kullanmalıyız.
    Söz fazla tekrarlanırsa anlamını kaybeder…
    Seyahat edilen yer Kudüstür;canla başla, ölüm ve kalımla, sürgün ve zindanla savunulan!
    İbranice:Yeruşalayim, İngilizce:Jerusalem farklı dünyaların Kelime ve Kavramlarıdır…

    • amitaf86 Oktober 24, 2011 um 21:09 #

      Hallo Lina.

      Mich würde interessieren ob du auf die Fragen ehrlich beantwortet hast oder ob du einfach die Antworten so gegeben hast wie du dachtest, dass man sie hören wollte.

      Viele Grüße.

      • linawunderlich Oktober 25, 2011 um 11:35 #

        Ich habe sie ehrlich beantwortet. Denn ich sah keinen Grund zu lügen. Dieser Fragenkatalog ist wohl üblich. Viele Reisende müssen viel längere und zeitaufwändigere Fragerunden über sich ergehen lassen. Ich wurde selbst Zeugin.

        Man muss sich den Konsequenzen beugen und den Spießrutenlauf über sich ergehen lassen.

  2. amitaf86 Oktober 25, 2011 um 22:23 #

    Also das man nach dem Hotel und Grund fragt kenne ich persönlich auch aus anderen Ländern, allerdings musste man es dort nur schriftlich abgeben und wenn man es noch nicht wusste, dann wurde einem gesagt, dass man einfach irgendwas hinschreiben soll. Was passiert denn mit den Menschen, die die Fragen nicht zufriedenstellend beantworten?

    • linawunderlich Oktober 26, 2011 um 09:28 #

      Aus welchen Länder kennst du dieses Prozedere?
      Im Härtefall, werden Personen mit dem nächsten Flugzeug zurück geschickt. Aber i.d.R. muss man lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Und natürlich die permanente Befragung.

  3. amitaf86 Oktober 26, 2011 um 14:22 #

    Das ist wirklich sehr ärgerlich, wie die das dort handhaben…

    Ich kenne das aus Syrien und meine, dass es in Indien auch so war (wobei ich mir hier nicht mehr 100%ig sicher bin).

  4. Eva August 29, 2012 um 11:40 #

    Mich ärgert dieser Artikel und ich will auch erklären warum. Vor einem Jahr bin ich selbst nach Israel gereist. Ich bin deutsch, habe auch einen deutschen Pass, einen deutschen Namen und mein äußeres lässt nicht an meiner nordeuropäischen Herkunft zweifeln. Mir ging es am Flughafen genauso – ich wurde knapp2 Stunden von verschiedenen Beauftragten ausgefragt. Immer wieder. Ich musste ihnen private Fotos zeigen, auf denen israelische Freunde und ich zu sehen waren, ich musste meine Lebensgeschichte erzählen, erklären warum ich dies und das studiere, was meine Eltern verdienen und so weiter.
    Das sind extrem überzogene Sicherheitsvorkehrungen, schön und gut. Ärgerlich triffts wohl am besten. Jetzt schon wieder von Diskriminierung zu sprechen, nur weil du auch in eine solche Kontrolle geraten bist ist überzogen. Muslime fühlen sich einfach zu oft als Opfer. Wenn ihr selbst nicht aus diesem Selbstbild herauskommt, werdet ihr auch von außen immer als die „Fremden“ wahrgenommen.
    Israel ist in einer extrem prekären Situation im Nahen Osten – umrundet von Ländern, die sie jeden Tag mit Vernichtungsdrohungen konfrontieren. Sie werden von allen Seiten angefeindet. Ist doch klar, dass sie aufpassen, wen sie reinlassen.

    • linawunderlich September 6, 2012 um 19:54 #

      Das kann sein, da werde ich dir nicht widersprechen. Aber, ich und alle anderen mit arabisch/islamischer Herkufnt wurden auf diesem Flug diskriminiert. Es wurde mir gegenüber sogar offen ausgesprochen. Hier von überzogener Sensibilitaet zu sprechen finde ich unangemessen. Ich achte sehr darauf, weder einseitig zu schreiben, noch permanent die Opfer Rolle einzunehmen. Das widerspricht meiner Einstellung. Es sind Beobachtungen und Erlebnisse aus denen ich Schlüsse ziehe. Ich bitte um Verstaendniss 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: