Willkommen in Europa

10 Aug

                                    (Aus der Fotostrecke von Spiegel Online.)

Die Szene auf dem Bild ist nicht aus irgend einem Kriegsgebiet. Dieses Chaos spielt sich mitten im Herzen Europas ab, in Englands Hauptstadt London. Wenn man die Fotos aus London betrachtet, könnte vermutete werden, dass es sich um ein Krisengebiet handelt. Soviel Gewalt, Wut und Zerstörung haben sich in den letzten Tagen entladen. Stein des Anstoßes war der Tod des Familienvaters Mark Duggan letzte Woche im Londoner Stadtteil Tottenham. Aus bislang ungeklärten Umständen, wurde dieser bei einer Polizeikontrolle erschossen. Ersten Meldungen zur Folge, soll er als erster das Feuer eröffnet haben. Mittlerweile wurde dies jedoch revidiert.

„Nach Angaben des IPCC gab ein Beamter zwei Schüsse ab, von denen der eine Duggan in die Brust, der andere in den Oberarm traf. (…) Die umgebaute BBM „Bruni“, eine illegale, selbstladende Pistole, die in dem Taxi gefunden wurde, in dem Duggan erschossen wurde, sei nicht benutzt worden. „ (taz)

Mittlerweile hat sich das Chaos nicht nur auf 10 weitere Stadtteile Londons ausgeweitet, sondern auch diverse andere englische Städte erreicht. Gestern brannten die ersten Container in Manchester. Die hemmungslose Sachbeschädigung dient als Katalysator für Frustration der eigenen Lebensbedingungen. Vermummte Gruppen würden geschlossen durch die Stadtteile ziehen und Chaos verursachen. An diesem Punkt ist es schwierig die Täter genau ausmachen zu können. Um relative Sicherheit zu gewährleisten Bilden sich Bürgerwehren.

„In einigen Stadtteilen von London haben sich größere Gruppen von Bürgern formiert, die ihre Straßen, Häuser und Geschäfte vor Gewalttätern und Plünderern schützen wollen. (…) In Southall im Westen Londons versammelten sich Hunderte Angehörige der Religionsgemeinschaft der Sikhs vor ihrem Tempel, nachdem es Gerüchte gegeben hatte, dieser könnte angegriffen und geplündert werden. Sie organisierten Motorrad-Patrouillen und überwachten den örtlichen Bahnhof. In den Nordlondoner Bezirken Hackney und Kentish Town bewachten vor allem türkischstämmige Geschäftsleute ihre Läden, teilweise mit Behelfswaffen wie Brecheisen oder Baseballschlägern gerüstet.“ (Zeit)

Hilfe zur Selbsthilfe, lautet das Motto. Denn was die Polizei nicht gewährleisten kann, dass müssen die Anwohner selber in die Hand nehmen. Dabei ist es beachtlich, mit wieviel Systematik hier vorgegangen wird. Der ehemalige Bürgermeister Londons, Livingstone suchte einen Erklärungsansatz für die Unruhen im aktuellen Sparpaket der Regierung. Dabei wurde er vom Fußballfanzine A fine Lung aus Manchester unterstützt.

„Nimm eine Gesellschaft, in der Geld der einzige Weg ist, um voranzukommen. Nimm eine Gesellschaft, in der das reichste Prozent der Bevölkerung 20 Prozent des Reichtums besitzt, und die ärmsten 50 Prozent nur sieben Prozent. Du nimmst der Jugend die Beihilfe weg, so daß sie nicht mehr aufs College kann. Du sagst ihnen, daß sie 30000 Pfund Schulden für einen Universitätsabschluß machen müssen, der ihnen nicht mal einen Job garantiert. Du kürzt lokale öffentliche Dienstleistungen und streichst die Jobs ihrer Eltern. Du kriminalisierst sie dafür, daß sie sich in Gruppen zusammentun und nennst es antisozial. Und wenn sie dann aus den Vierteln herauskommen, in die du sie eingesperrt hast, um sich auf Straßen, die ihnen von der Polizei verweigert werden, aus Läden, die ihnen den Eintritt verweigern, die Waren zu holen, die sie sich nicht leisten können, dann ist alles was du sagst: Das ist reine Kriminalität.“ (jungeWelt)

Auch wenn der britische Premier von Kriminalität spricht. Dieses erstaunliche Potential an Gewaltbereitschaft kommt nicht von ungefähr. Über 500 Personen wurden festgenommen. Doch wo sind die Ursachen für diesen Ausbruch festzumachen?

„It’s very sad to see … But kids have got no work, no future and the cuts have made it worse. These kids are from another generation to us and they just don’t care,“ said Anthony Burns, 39, an electrician from Hackney. „You watch. It’s only just begun.“ (Haaretz)

Die mutwillige Zerstörung von Eigentum ist unverantwortlich. Denn letztendlich trifft es immer genau die, die eh kaum etwas besitzen. Aber ohne Empathie und die Wertschätzung, ist es ein leichtes sich in einer Spirale der Gewalt und Zerstörungswut zu verlieren. Wie die Einschätzung und Beobachtung des ganzen aus der Sicht eines Bürgers aussieht, ist hier gut zu verfolgen. Wie der Titel schon besagt, the truth.

Und wer die Geschehnisse in England verfolgen möchte, kann es auf der Seite des Guardian tun. Dort werden die Ereignisse ziemlich zeitnah festgehalten und dokumentiert. Guardian.co.uk

Die Ereignisse in England weisen starke Parallelen zu den Unruhen in den französischen Banlieues 2005 auf. Der Auslöser für die Aufstände damals, war der tragische Tod zweier Jugendlichen (15 und 17) aus Immigrantenfamilien. Hintergrund für die stark anschwellende Gewaltbereitschaft, waren tiefgreifende soziale Ungleichheit und Benachteiligung von Migranten. U.a. durch den räumlichen Ausschluss an der Mehrheitsgesellschaft und die ‚Abschiebung‘ in eine Parallelgesellschaft (Randbezirk von Großstädten/ Banlieue).

Es ist abzuwarten, wie sich die Situation in England entwickeln wird. In anbetracht der Tatsache, dass die Olympischen Spiele 2012 in London stattfinden sollen, wirken die sozialen Unruhen mehr als beunruhigend in der heilen Welt der modernen Gesellschaft.
Wenn der Abbau des Sozialstaates voranschreitet und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Wenn die Konsumgesellschaft um einen herum immer weiter anschwillt, immer größere und unrealistischer Traumvorstellungen in den Köpfen der Menschen projiziert. Wenn das tägliche Überleben zum Kampf wird, obwohl man sich in einem Zentrum einer Industrienation befindet. Wenn die Perspektivlosigkeit und fehlende Chancen, die Hoffnung auf ein besseres Leben zunichte machen. Wenn die Jugend ’stirbt, ohne gelebt zu haben.
Dann bricht die Frustration in Form von Gewalt aus. Verschlingt alles was ihr in den Weg kommt und achtet dabei nicht auf Opfer. Auch wenn sich die Protagonisten selber zerstören und den letzten Funken der Hoffnung verlieren.

Eure Lina.


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Eine Antwort to “Willkommen in Europa”

  1. Mehmet Doğan August 11, 2011 um 03:58 #

    Avrupa’da yanan Londra değil; bilakis modern tarihsel tortulardan beslenmiş dışlanmışlık, ötekileştirilmişlik ve topyekün azınlıkların isyanı..! Orada doğmuş „çocukların“ kendini gösterme gayreti…

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