Wenn das Militär den Hut zieht

30 Jul
(Titel, der überregionalen, liberalen türkischen Tageszeitung. Übersetzung: „Wir wollten doch noch Wassermelone servieren.“ Dieser sarkastische Spruch wird oft genutzt, wenn sich ein Gast verabschiedet, dessen verbleib man nicht laenger hinauszögern möchte)
„In der Türkei haben die ranghöchsten Militärs des Landes ihre Ämter niedergelegt. Neben Generalstabschef Isik Kosaner, der erst 2010 für drei Jahre auf seinem Posten ernannt worden war, baten auch Heereskommandant Erdal Ceylanoglu, Marinekommandant Esref Ugur Yigit und Luftwaffenchef Hasan Aksay am Freitag um die Versetzung in den Ruhestand.“
(derStandard)

So, nun ist die gesamte Armeespitze des türkischen Militärs zurück getreten. Momentan müssen sich etwa 200 Militärs vor Gericht verantworten- 43 Genaerele von ihnen befinden sich in Untersuchungshaft. Die Reibungen zwischen der regierenden AKP und dem türkischen Militär bestanden schon seit 2002, mit dem Wahlsieg der AKP. Anders als in vielen europäischen Staaten, entschied das Militär in der Türkei eigenverantwortlich, wenn es um die Postenverteilung innerhalb der Armee ging. Die Änderung geschah erst letztes Jahr und endete in einem Streit und mit dem Rückzug der Generaele.

Nun stellt sich für uns alle die Frage, ist der Machtverlust des türkischen Militaeraparts ein Spiel oder eine realpolitische Folge?

Es besteht die Möglichkeit, dass es sich hierbei um einen neuen Paradigmenwechsel handelt. Eine neue Öffnung, die durch die immer staerker agierende AKP eingeleitet worden ist. Der Machtverlust des Militärs kann als sehr positiv gewertet werden. Denn betrachten wir die Vergangenheit, jenes Aparates wird es sehr düster. Beispielsweise die Massenhaften Exekutionen, nach dem Putsch von Kenan Evren 1980.  beachtenswert ist die internationale Unterstützung durch die Nato und USA. Durch diesen 3. (von insgesamt 4)  Putschen, wurde die gesamte Verfassung der Türkei, zu Gunsten des Militärs geändert. Von einer demokratischen und fairen Grundstruktur, konnte nicht mehr die Rede sein.
Es stellen sich viele Fragen, wenn es um die Möglichkeit eines neuen Abschnittes geht. Auf der einen Seite besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Demokratisierungsbestrebungen mit einer gestärkten Institutionalisierung und Vergesellschaftlichung diverser Bereiche, nun auch den Militaeraparat erreicht haben.

Zwei zentrale Fragen stehen im Raum. Vor genau 200 Jahre, schon während des osmanischen Reiches, mit der türkischen Modernitaetsbewegung, stellte das Militär die Speerspitze dieser Bewegung. Dabei stellten die Jungtürken die laizistische Bewegung der jungen türkischen Republik. Was hat sich so gravierend verändert? Welche Ursachen sind für den Paradigmenwechsel verantwortlich? Die Transformation des Militärs ist auf den Einfluss der AKP-Regierung zurückzuführen.

1. Sind die Amtsniederlegungen im grossen Stil ein Resultat neuer Machtkonstelationen der AKP-Regierung und ihrer internationalen Verbündeten?

und

2. Wollen globale Maechte evtl. die AKP als Leitmedium nutzen, um die Machtverhältnisse in der Region zu kontrollieren und Einfluss auf sie zu üben. Ein neuer politischer Trend?

Wir sollten die politische Situation nun genau beobachten, um den Trend erkennen zu können. Es ist eindeutig zu begrüssen, dass das Militär, dem ersten Anschein nach Kapituliert hat. Es musste sich den realpolitischen Gegebenheiten unterordnen und sich der neuen politischen Macht in der Türkei unterordnen. Es ist zu hoffen, dass das Militär nie wieder so stark an Macht gewinnen wird, um die eigene Bevölkerung so systematisch einzuengen. Genauso ist es zu hoffen, dass die Türkei, nun nicht zu einem Spielball der Fremdmaechte geformt wird, um in der Region als Schachfigur genutzt zu werden.

Eure Lina.

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7 Antworten to “Wenn das Militär den Hut zieht”

  1. Mehmet Doğan Juli 31, 2011 um 23:07 #

    Yerel sorunlarımız küresel sorumluluklarımızı,
    küresel sorumluluklarımız yerel sorunlarımızı unuturmamalı..!

    Türkiye’deki aktuel gelişmeleri sıcağı sıcağına yorumlamanız, lokal ve bölgesel düşünmedeğinizi, aksine daha küresel düşündüğünüzü akla getiriyor… Sahifenizle ilgili, yazı ve yorumlarınızla ilgili „eleştirilerimi“ önümüzdeki sayılara bırakmak istiyorum.
    Gerçekten de gerek batı Avrupa’da ki sosyo-politik haberler üzerindeki yorumlamalarınız, gerek Türkiye ve bölgesindeki sosyo-politik gelişmeleri gündeminize almanız, ilgi alanlarınızın ve düşünce dünyanızın genişliği hakkında ip üçları verir mahiyette.
    Yerel sorunlarımız küresel sorumluluklarımızı, glabal sorumluluklarımızın lokal sorunlarımızı unutturmaması gerektiğini hatırlatmalarınızı önemsiyor ve sizi kutluyorum…
    İnsanlık, her zaman yeni nesillerle yenilenir ve eskilerin bozup fesada uğrattığı her devir, bozulmamış ve fıtrat üzre olan gençlerle yeniden hakikatin yoluna yüzünü çevirir.
    Bu nedenle, gençlik, insanlığın nöbetini tutmaktır ve insanlık adına bir umuttur.
    İnsan yaşlandıkça varolan dünyanın hegemonyasını kabullenir, şartlarına uyum sağlar, direnecek mecali kalmaz ve gerçekçi olur. Yaşlanmakta olan „dünya düzenine“ karşı yeniden varolabilmek ve „kutlu anlatılar“ çağının kapısını aralamak gerekir.
    Adalet, özgürlük, iyilik, vicdan, merhamet, hak, hukuk, medeniyet, insanlık,…bu kavramların hepsi sizin gibi genç kuşakların nefesiyle daha bir güç kazanacaktır.
    Bu kavramları üzerine yeni bir dünya tasavvuru inşa etmesinin zamanı gelmiştir.
    Çalışmalarınızın devamını beklediğimi yineliyor, başarılar diliyorum…
    Onbir ayın sulatanı olan mukaddes ayın hayırlara vesile olmasını temenni ediyorum.
    İnşirah içerisinde kalınız..!

    • linawunderlich August 1, 2011 um 09:52 #

      Ich bedanke mich für Ihre aufmunternden Worte und Ihr feedback!!!

  2. Akif Sahin August 1, 2011 um 20:25 #

    Ich sehe das ganze ja als eine Folge der Bestrebungen der Türkei nach Säkularisierung… Aber ich stehe wohl noch ganz alleine da… 😦

    • linawunderlich August 2, 2011 um 13:11 #

      Naja, das bezweifle ich. Schau dir doch einfach mal die politische A-Klasse an 🙂 Es geht um die Transformation des Militäraparates, um sie dem 21.Jahrhundert gerecht zu machen. Das ganze Militärsystem ist aus der Zeit des Kalten Krieges.

      • Akif Sahin August 2, 2011 um 17:35 #

        eben deshalb ja…. Mustafa Kemal wollte eigentlich eine Trennung von Staat und Kirche. Er installierte deshalb den Laizismus, welches für die Türkei, einen Staat mit religiösen Bürgern, den man den Islam nicht austreiben konnte, völlig die falsche Variante war… Kemal wollte eigentlich die Säkularisierung, aber damals war es noch nicht soweit zu versuchen, die ganze Ebene zu verändern.

        In den letzten Jahren haben wir diese Bemühungen erneut aufflammen sehen. Der Staat will Säkularisierung, und zwar echte… Wo sich weder die Religion einmischt, noch die Armee…

      • linawunderlich August 2, 2011 um 17:59 #

        Siehst du es so kritisch, dass es eine Trennung zwischen Religion und Staat gibt? Ohne dabei die Religion zu diskriminieren. In einer pluaralistischen Gesellschaft, ist es doch von Vorteil, wenn es zu keiner Bevorzugung oder Benachteiligung bestimmter Gruppen kommt. Oder?

        Die momentane Regierung ist alles andere als anti-religiös. Also sollten wir nicht so düster sein 🙂

  3. Akif Sahin August 4, 2011 um 20:38 #

    Ich sehe es kritisch, dass es bisher keine echte Trennung und Gewaltenteilung in der Türkei gab. Mit der neuen Verfassung müsste das umgesetzt werden, anderenfalls sehe ich für die Republik schwarz…

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