Was ist los in Syrien?

21 Jun


Die Frage erscheint leicht zu beantworten zu sein. Eine mögliche Antwort wäre, der strenge Machthaber Assad möchte keine Freiheiten gewähren und lässt sein eigenes Volk niederschießen. Er hat Angst davor an Macht zu verlieren und treibt die Syrer an die Grenzen und somit auch in die Flucht. Er lässt Menschen verhören, foltern und hinrichten, nur damit er nicht verhandeln muss. So weit, so gut. All die aufgezählten Dinge erscheinen plausibel, möglich und nicht absurd. Dennoch sollten wir uns dem großen Kontext widmen, indem der ‚Syrische Aufstand‘ steht. Wenn wir lediglich einen kleinen Ausschnitt betrachten, ist es uns nicht möglich ihn in das große Ganze einzufügen. Klingt verwirrend? Ist es auch.

Nun möchte ich aber vorweg sagen, dass ich nicht beim Geheimdienst arbeite und sonst keine Verbindungen zu staatlichen Institutionen vorweisen kann. Dementsprechend ist meine Quellenlage sehr begrenzt, was die nachfolgenden Hypothesen betrifft.  Es ist auch recht schwierig an offizielle Paper heranzukommen, in denen die gezielte Umstrukturierung des Nahen Ostens akribisch erläutert wird. Mein Beitrag über den Neuen Nahen Osten hat dies vorweg ansatzweise versucht zu erklären.

Momentan sind wir Zeugen einer flächendeckenden Veränderung des Mittleren und Nahen Ostens. Seit Wochen herrscht in großen Teilen Syriens Chaos und Gewalt. Unsere euro-amerikanischen Medien zeichnen ein recht eindeutiges Bild der Geschehnisse. Doch ist diese Realität die einzige?
Türkische Journalisten können wohl ein etwas anderes Bild zeichnen. Ein kleiner Auszug aus der jungewelt ( ich lasse in diesem Zusammenhang nicht zu, dass man die jungewelt als linke-Außenseiter bezeichnet und die Glaubwürdigkeit schmälert.)

„Das scheint zumindest teilweise mehr als Propaganda zu sein. Irritiert stellten türkische Journalisten bei einem Besuch in der Grenzstadt Dschisr Al-Schughur am Donnerstag fest, daß sich die Lage dort von der von syrischen Oppositionellen und ausländischen Medien geschilderten Situation deutlich unterschied. Die spanische Nachrichtenagentur EFE zitiert einen Reporter des türkischen Fernsehens, wonach »das, was wir in Dschisr Al-Schughur gesehen haben, den meisten Geschichten widerspricht, die erzählt wurden«. Tatsächlich habe die Stadt drei Tage lang unter der Kontrolle bewaffneter Rebellen gestanden, die 72 Soldaten gelyncht hätten. Frauen und Kinder seien mißhandelt, alle öffentlichen Gebäude wie Postämter, Krankenhäuser und Behörden zerstört worden. »Wir waren überrascht zu sehen, wie Tausende von Menschen die Soldaten willkommen geheißen haben«, zitierte EFE einen Journalisten der halbamtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.“

Die Sanktionen gegen Syrien stehen in den Startlöchern. Unser sehr verehrter Außenminister Westerwelle hat es schon angekündigt. Die EU plant Sanktionen, genau wie gegen Weißrussland. Sogar Angelina Jolie hat die Flüchtlinge an der türkischen Grenze besucht. Gestern hat sich Assad selber zu Wort gemeldet und eine Rede gehalten. Beschworen wurde die Einheit Syriens und gewarnt vor Außenwirkung in innere Angelegenheiten. So unrecht hat Assad nicht. Durch das Chaos was momentan vorherrscht, ist es für Geheimdienste jeglicher Couleur sehr einfach sich unterzumischen und die Stimmung zu beeinflussen. Nicht umsonst gibt es Agent Provocateur.

Die Rede Assads wurde innerhalb der deutschen Medien etwas verändert. Die Tagesschau hat Inhalte verkürzt und im falschen Kontext wiedergegeben. Nennt man sowas nicht Propaganda? Hmm… Einen ähnlichen Fall gab es vor langer Zeit mit der Rede einer anderen politischen Reizfigur. Aber nun gut. Anderes Thema.

Mir geht es hier in keinster Weise darum, Assad und sein Regime zu unterstützen. Wenn man die Massenermordung in Hama 1982 betrachtet, bei der 25.000 Menschen ermordet wurden ist es nicht möglich ein repressives und elitäres Regime zu unterstützen.

Vielmehr geht es um die große Umstrukturierung dieses Gebietes. Seit ein paar Jahren hatte die Türkei seit langem ihre Beziehungen zu ihren Nachbarstaaten deutlich verbessert. Die Grenzen zu Syrien wurden geöffnet, ein deutlich positive Entwicklung. Durch die Unruhen und das Chaos vor der ‚Haustür‘ der Türkei, steht die innere Sicherheit auf wackligen Beinen. Die erste Konsequenz scheint die Absage der IHH an der Freedom Flotilla II nach Gaza im Juli zu sein.Die türkische Außenpolitik steht vor einer großen und weitreichenden Herausforderung. Durch die Unsicherheit der Nachbarstaaten, gerät auch die starke Führungsposition der Türkei ins wanken. Die Dependenz zwischen innerer Sicherheit und außenpolitischen Geschehen ist sehr eng miteinander verknüpft. Die Frage lautet, wer profitiert am stärksten durch die momentan immense Unsicherheit der Region?

Israel könnte vermutlich stark profitieren. Weshalb die Türkei nun den Versuch unternimmt Schadensbegrenzung zu betreiben. Die israelische Tageszeitung Haaretz erläutert die Absage der türkische Hilfsflotte, wie folgt:

„The third development pertains to the situation in Syria. President Bashar Assad’s violent crackdown and the stream of refugees to Turkey have shaken Ankara. The Turks were especially surprised Assad refused their demands, lied to them and prefers the Iranian patronage, Israeli officials say.

„The situation in Syria creates big problems for both Turkey and Israel, and they have a joint interest in solving the problems between us,“ a senior Turkish Foreign Ministry official said.“

Die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei könnte erneut gefestigt werden. Dies wiederum würde bei der anstehenden Ausrufung eines unabhängigen und souveränen Palästinenserstaates dazu führen, einen möglichen Unterstützer zu verlieren. Die israelische Regierung würde das begrüßen. Sie steht der Idee eines palästinensischen Staates ohnehin negativ gegenüber und hat angekündigt diesen mit allen Mitteln unterbinden zu wollen. Dies widerum bedeutet den Einsatz massiver Lobbyarbeit aus den USA.

Es ist definitiv nicht einfach die verwobenen Strukturen der Nahostpolitik zu durchbrechen und in ein paar Sätzen zu erläutern. Was sich abzeichnet ist ein neuer Kampf der religiösen und ethnischen Gruppierungen der Region. Sunniten vs Schiiten vs Alawiten vs Kurde. Die nationalstaatlichen Barrieren scheinen aufgehoben zu sein. Die künstlichen Gebilde aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg und der Entkolonialisierung scheinen zerbrochen. Das neue Schlachtfeld ist ein anderes.

Willkommen im Kampf der innerreligiösen Gruppen.

Eure Lina.

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2 Antworten to “Was ist los in Syrien?”

  1. Akif Sahin Juni 21, 2011 um 16:52 #

    Liebe Lina, auch wenn du nicht vom Geheimdienst bist, sehr gut analysiert 😉

    • linawunderlich Juni 21, 2011 um 19:02 #

      Vielen Dank Akif. Mal schauen, wie sich die Lage entwickelt. Als Outsider, gebe ich mir doppelt soviel Mühe 😉

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